black grand piano on opera stand
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Orchester-Templates

Wenn man länger darüber nachdenkt, ist es einfach nur faszinierend. Auf dem Schreibtisch steht ein Keyboard und ein Computer. Soviel zum Offensichtlichen. Was man nicht auf Anhieb sieht: Auf dem Schreibtisch steht eigentlich ein komplettes Sinfonie-Orchester – mit allem Drum und Dran. 150 Musiker mit ihren Instrumenten, die nur darauf warten, dass du eine von den 88 Tasten drückst, um dann loszulegen. Und inzwischen ist der Markt an diesen Orchester-Sound-Bibliotheken so groß, dass jeder seinen orchestralen Lieblingssound finden kann. Ob das Bibliotheken von EastWest, Orchestral Tools oder Cinematic Studio Series (oder vielen anderen) sind, sie hören sich inzwischen fast alle wirklich gut an.

Ich persönlich habe mich auf die Bibliotheken von Spitfire Audio eingeschossen. Irgendwie fand ich von Anfang an die Crew und deren Leidenschaft für klassische und cineastische Musik cool. Und ja, qualitativ machen sie auch enorm viel richtig. Zuletzt brachten sie den typischen Hollywood-Klang der Abby Road Studios auf meine Festplatte. Aber womit ich am aller liebsten arbeite, ist das BBC Symphony Orchestra. Der Klang ist fantastisch und die Instrumente wirklich gut und realistisch klingend spielbar. Und ganz ehrlich: Eigentlich brauche ich seit dem nahezu nichts anderes (orchestrale) mehr, um glücklich zu sein.

Wozu ein Template?

Möchte man für ein großes Orchester arrangieren, muss man sich das Leben etwas einfacher machen. Das schafft man mit einem Template. Mit anderen Worten: man lädt sich ein fertiges Projekt in seine DAW (Digital Audio Workstation), in dem alle Spuren und Instrumente bereits geladen sind. Hat man dann eine Idee, kann man sofort loslegen mit dem Einspielen der verschiedenen Instrumente.

Spitfire Audio hat hier in Verbindung mit dem BBC Symphony Orchestra das Thema „DAW-Template“ auf die Spitze getrieben – in positiven Sinn. In deren Orchester-Template hat man neben den normalen Instrumenten-Spuren noch sehr viel mehr bedacht:

  • Man hat die Instrumente ein klein wenig oder auch vollständig (je nach Template-Version) auf die verschiedenen Artikulationen aufgeteilt. Das sorgt zwar dafür, dass so ein Template durchaus mehr als 500 Spuren haben kann und damit recht unübersichtlich wird. Aber für solche, die einen Computer mit nicht allzu viel Arbeitsspeicher haben, mag das durchaus eine Ressourcen-schonende Arbeitsweise sein. Es werden nicht alle Artikulationen der Posaunen in den Speicher geladen, sondern halt nur ein paar (Longs oder Shorts) oder nur eine einzige (Legato oder Pizzicato etc).
  • Es gibt Mixing-Spuren. Nachdem man Stück fertig komponiert und eingespielt hat und alles nach und nach passt, überträgt man sein Werk innerhalb dieser Datei in die Mixing-Spuren. Also alles, was als MIDI eingespielt wurde, wird jetzt in Audio-Spuren übertragen, die dann für das eigentliche Mixing genutzt werden können. Auf diese Spuren kann man dann Tools legen wie Equalizer, Kompressoren oder halt so… Sachen halt. Ich arbeite inzwischen recht gerne mit den Plugins von iZotope.

Man hat in diesem Template also einen kompletten Workflow. Kein Exportieren zwischendurch, kein Importieren in ein neues Mixing-Projekt – ich mache alles in einer Datei. Dass man das so weit treiben kann, das war mir bisher noch nicht klar. Wohl eher deswegen, weil mir noch eine Menge Kenntnisse über mein Logic Pro fehlen.

Warum Templates für mich nicht funktionieren

Jetzt habe so geschwärmt von den Vorteilen eines Templates, und jetzt diese Zwischenüberschrift. Ja, man kann Dinge toll finden, was aber nicht zwangsläufig heißt, dass man sie selbst (vollumfänglich) nutzt. Bei mir liegt es eher am Entstehungsprozess eines Musikstücks. Ich bin niemand, der sich hinsetzt, ein neues Werk „auf dem Papier“ skizziert und sich dann mit einer festen Vorstellung im Kopf ans Keyboard setzt. Das würde dann ja heißen: die ersten Violinen spielt das, einspielen. Die Celli spielen das, einspielen. Hörner spielen das, einspielen. Bei mir ist es immer ein organischer Prozess.

Ich beginne meist mit einem Piano und experimentiere mit Akkorden, Rhythmen oder einer kleinen Melodie. Habe ich meine Idee festgehalten, dann beginnt bei mir erst die Instrumentierung. Ich erstelle eine neue Spur, lade das Instrument, dass ich mir in diesem Moment vorstelle, und dann probiere ich, ob es passt. Dann das nächste, dann das Nächste, dann das Nächste. Und Schritt für Schritt entwickelt sich der Track weiter. Da meine Ideen immer relativ Instrumenten-arm beginnen, „verplempere“ ich relativ wenig Zeit mit DAW-Tätigkeiten – also Spur erstellen, Instrument suchen und laden.

Hätte ich jetzt ein Template mit 200 oder gar 500 Spuren vor der Nase, würde mich das in dieser Phase des Projekts komplett überfordern. Ich wäre nur am Scrollen, wüsste nicht mehr, wo ich welche MIDI-Sektion hingelegt hätte und wäre mit 1000 anderen Dinge beschäftigt, aber nicht mit komponieren.

Wenn ich ein Stück nahezu fertig habe – oder zumindest die Grundidee und die Grundinstrumentierung -, dann kann ich das entsprechend in das große Template übertragen und arbeite dann dort weiter. Das hilft mir, den weiteren Workflow darüber laufen zu lassen. Weil der wirklich, wirklich gut ist und enorm Zeit und Kraft spart.

Was ich aber auch sehr schwierig finde, ist die Einbindung anderer Software-Instrumente in das fertige Spitfire BBCSO-Template. Ich persönlich hätte gerne noch den Eric Whitacre Chor in dem Template mit drin, sowie auch ein Klavier (welches komplett im BBCSO fehlt). Oder wenn man zusätzlich zum Orchester noch Synthesizer braucht, um mehr in die hybride Trailer-Musik zu gehen. Man muss schon sehr gute Kenntnisse seiner DAW haben, um das Spitfire-Template in seinen Funktionen zu verstehen und zu erweitern.

Schaffe Dir Deinen Workflow

Trotz der Herausforderungen, die das Arbeiten mit großen Orchester-Libraries mit sich bringen, halte ich es für enorm wichtig, mit solchen Template zu arbeiten. Ich bin noch sehr unerfahren als „Komponist“ – so unerfahren, dass ich mich schämen würde, mich als Komponist zu bezeichnen. Ich vermute, dass mit wachsender Erfahrung auch die Arbeit mit solch großen Templates leichter wird. Weil halt mehr kreative Arbeit im Kopf passiert und die Finger nur noch auf dem Keyboard ausführen. Davon von bin ich noch weit entfernt.

Wenn Du beim Arbeiten in deiner DAW merkst, dass du viel Zeit für die technische Vorbereitung benötigst und dich das ständig in deinem kreativen Prozess unterbricht, dann ist es vielleicht ein Zeichen dafür, dass Du ein Template brauchst. Beobachte doch mal deine Arbeitsweise. Tust du Dinge immer wieder? Oder hast Du nahezu immer die gleichen Software-Instrumente in Benutzung? Wenn du solche Muster erkennst, baue einfach mal ein entsprechendes Template und speichere es als Vorlage ab.

Und so eine Vorlage wird wahrscheinlich immer etwas dynamisch sein. Denn auch du veränderst deine Musik oder deine Arbeitsweise. Passe es einfach an, sobald du merkst, dass regelmäßig viel Zeit für technisches draufgeht und du immer wieder den kreativen Prozess unterbrechen musst. Denn wenn der Flow mal da ist, sollte er auch die Chance haben, sich ungehindert zu entfalten.